🇨🇩 DR Kongo · Leoparden
Um einen Vulkan zu sehen, brauchte ich in der DR Kongo drei Tage – anderthalb davon im Stau
Stadt → Fluss → Regenwald → Vulkan-Lavasee
Die Ringstraße von Kinshasa verwandelte sich um halb fünf am Nachmittag in einen Parkplatz ohne Horizont. Mein gelbes Taxi steckte zwischen Lastwagen, Mopeds und Fußgängern, die ganze Bananenbündel auf dem Kopf balancierten, fest – keinen Zentimeter ging es voran. Der Fahrer, ein junger Mann namens Pascal, kurbelte das Fenster herunter und begann eine hitzige Debatte mit einem Telefonkartenhändler am Straßenrand – nicht etwa, weil der Empfang schlecht war, sondern weil der Händler behauptete, die kongolesischen ›Leoparden‹ könnten beim nächsten Afrika-Cup mindestens ein Spiel gewinnen. Pascal konterte: ›Wenn die Leoparden auch nur ein Tor schießen, schenke ich dir dieses Auto.‹ Fußball ist in Kinshasa der wirksamste Eisbrecher. Der Stau ist der zweitwirksamste.
Die Demokratische Republik Kongo liegt im Herzen Afrikas, Hauptstadt Kinshasa, über 100 Millionen Einwohner. Sie ist viermal so groß wie Frankreich, hat aber weniger als 3.000 Kilometer asphaltierte Straßen. Als ich meinen Freunden vor der Abreise erzählte, ich wolle in der DR Kongo einen Vulkan besichtigen, war die häufigste Reaktion: ›Du weißt schon, dass der Nyiragongo zuletzt 2021 ausgebrochen ist?‹ Und die zweithäufigste: ›Du weißt, wie schlimm der Stau in Kinshasa ist?‹ Ich wusste es bald.

Kinshasa ist eine Stadt, die man hören kann. Morgens um halb sechs sickerte kongolesische Rumba aus dem Radio des Nachbarn – jener träge Groove, neben dem westafrikanischer Hiplife und kubanische Salsa blass werden. Um neun Uhr morgens brach der Markt in ein dirigentenloses Orchester aus – Fischverkäufer, Händler für gebrauchte Handyladegeräte, für Second-Hand-Anzüge, für lebendige Hühner, jede Stimme kämpfte mit aller Kraft um ihren Platz im selben Frequenzband. Mittags dröhnte die Sirene der Fähre auf dem Kongo-Fluss – so tief, dass sie deinen Brustkorb vibrieren ließ. Um sechs Uhr abends begann die Chorprobe in der Kirche – der Kongo ist das größte frankophone Land der Welt und eine der vitalsten katholischen Nationen. Um neun explodierte der Fußballkommentar aus dem offenen Fenster einer Bar – der Name Chancel Mbemba wie eine afrikanische Trommelfigur. Ich war zwei Tage in dieser Stadt und fühlte mich keinen einzigen Moment allein.
Die Straße von Kinshasa nach Osten ist eine Extremprüfung der Geduld. Dreihundert Kilometer können acht bis zwölf Stunden dauern – abhängig vom Wetter, von der Frequenz der Ziegen auf der Fahrbahn und von der Wahrscheinlichkeit einer Tanklasterpanne. Ich aß eine ganze Tüte gegrillter Kochbananen auf – außen knusprig, innen weich, mit grobem Salz und Chili bestreut – und die Straße war immer noch nicht frei. Aber ich entdeckte nach und nach: An jedem Dorfeingang gab es einen plattgetretenen Lehmplatz, und auf jedem Lehmplatz eine Horde barfüßiger Kinder, die Fußball spielten – manche mit einer Plastikflasche, manche mit einem Lumpenbündel, gelegentlich mit einem echten, ausgebleichten Lederball, dessen Plastiküberzug schon bis auf die Fäden abgewetzt war. Jeder Lehmplatz war eine Miniatur-WM. Die ›Tribüne‹: umgedrehte Plastikeimer. Der Schiedsrichter: eine vorbeilaufende Ziege.
Der Virunga-Nationalpark liegt nördlich von Goma. Um ihn zu betreten, braucht es einen bewaffneten Ranger – nicht wegen wilder Tiere, sondern weil diese Region in den letzten Jahrzehnten wiederholt von bewaffneten Konflikten heimgesucht wurde. Der Ranger war ein junger Mann um die dreißig, er hieß Emmanuel. An seinem rechten Schienbein trug er eine alte Narbe – ›2008, ein Schimpanse. Kein Angriff – er ist nur vom Baum gesprungen und hat mich gestreift.‹ Er erzählte diesen Witz, ohne zu lachen. Er hatte an über 120 Anti-Wilderer-Patrouillen teilgenommen; er sagte, verglichen mit dem Vulkan seien Wilderer unberechenbarer.

Der Aufstieg zum Nyiragongo begann auf 1.989 Metern Höhe im tropischen Regenwald. Die ersten zwei Stunden war die Luft feucht, die Beine voller Schlamm. Die Vegetation wechselte von Laubbäumen zu Farnen, dann zu vereinzelten Moosen, und dann – dann verschwand alles Grün. Oberhalb von 3.000 Metern wurde der Boden schwarzes Vulkangestein. Jeder Schritt knirschte, als liefe man auf verbrannten Keksen. Die Temperatur stürzte von 30 auf 8 Grad. Der Führer sagte: ›Jetzt weißt du, warum ich dich gebeten habe, eine Jacke mitzunehmen.‹
Halb acht am Abend. Ich stand am Kraterrand. Der aktivste Lavasee der Welt brodelte zweihundert Meter unter mir – nicht rot, sondern ein unbeschreibliches Orange, die Eingeweide der Sonne, das Blut der Erde, direkt in die Luft entblößt. Kein Geländer. Keinerlei künstliches Licht. Die einzige Lichtquelle war dieses rollende Magma. Der Wind riss am Kraterboden, trug den Schwefelgestank und ein niederfrequentes Grollen hinauf – kein Geräusch, sondern eine Vibration, die du in den Knochen spürst. Mein Kletterpartner, ein Student aus Goma, lag auf dem Felsrand und sagte zehn Minuten lang kein Wort. Dann sprach er einen Satz auf Lingala. Emmanuel übersetzte: ›Er sagt – als Kind dachte ich, Vulkane seien Mythologie, gemalt in Schulbüchern. Jetzt bin ich nicht mehr sicher.‹
Auf dem Abstieg zitterten meine Beine. Nicht vor Angst – Milchsäure und Erschöpfung. Die Lichter von Goma funkelten vereinzelt, der Kongo wurde im Dunkeln zu einem schwarzen Seidenband. Ein kleiner Junge zeigte auf meine Bergstiefel und fragte auf Französisch: ›Tu es allé au volcan?‹ Ich nickte. Er streckte den Daumen hoch und rannte davon. Die Fußballplätze in Goma sind aus Vulkanasche gebaut – der Ball springt vom Boden in einer seltsamen Höhe ab, und die Rotation folgt nicht den üblichen physikalischen Regeln. Aber die Kinder hier haben sich daran gewöhnt. In der DR Kongo musst du immer mit einem Abpraller rechnen, der nicht den erwarteten Gesetzen der Physik folgt – ob im Fußball, im Verkehr oder bei einem Vulkan, der ab und zu schlechte Laune hat. Zurück in Kinshasa, ein morgendlicher Regenschauer. Pascals Taxi steckte im selben Stau auf derselben Ringstraße – zumindest sah es so aus. Im Radio spielte Rumba, er summte mit, die Finger trommelten aufs Lenkrad. Ich fragte ihn, ob er immer noch glaube, die Leoparden könnten ein Tor schießen. Er lächelte: ›Im Kongo ist Optimismus eine Überlebensfähigkeit – genauso wichtig wie Feilschen.‹ Vor dem Fenster sah ich einen jungen Mann mit einem Fußball am Fuß, die Regentropfen glitzerten auf dem Leder. Aus Pascals Radio wechselte die Rumba zu einer Spielübertragung – Chancel Mbemba hatte wieder getroffen. Er kurbelte das Fenster runter und brüllte einen völlig fremden Passanten auf der Straße an. Keiner verstand. Aber alle lachten.
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