🇲🇦 Morocco · Atlas Lions

Marokko Reise: Mit der Nase durch die rote Stadt, die Färbergruben und die Sahara

Eine olfaktorische Karte – vom Gewürzmarkt bis zur Süße des Minztees

Als ich meine Marokko-Reise zum ersten Mal zu planen begann, dachte ich, die Karte würde am Flughafen von Casablanca anfangen und sich über Marrakesch, Fes, Merzouga bis in die Sahara ziehen. Kaum gelandet, merkte ich: Marokko entfaltet sich nicht in Kilometern. Es beansprucht dich erst über den Geruch. Kaum weht der Abendwind durch Marrakesch, reden auf dem Gewürzmarkt Safran, Kreuzkümmel, Zimt und getrocknete Rosen gleichzeitig auf dich ein, wie Händler, die keiner dem anderen das Wort gönnt. Zwischen den Jutesäcken drückt mir ein Ladenbesitzer eine Prise Ras el-Hanout in die Hand. Dreißig Gewürze und mehr, durcheinandergemischt – es riecht wie eine alte Route, die von den Karawanenwegen der Sahara bis unter die Mauern der roten Stadt führt.

Nach Einbruch der Dunkelheit setzt der Platz Djemaa el-Fna diesen Weg in Flammen. Eine Reihe Holzkohlefeuer nach der anderen flammt auf. Fett tropft vom gegrillten Hammelfleisch in die Glut, weißer Rauch wallt sofort auf. Der Anisduft der Schneckensuppe, der Brandgeruch gegrillter Würstchen, die aufgeschnittene Süße der Orangensaftstände – alles überlagert sich mit dem Trommeln und den Rufen der Marktschreier. Einer zerrt dich zur Speisekarte, ein anderer schiebt dir einen Hocker hin, ein Dritter ruft lachend »China?« aus dem Rauch. Auf einem wackligen Plastikstuhl sitze ich und sehe zu, wie der Spieß gedreht wird, und plötzlich verstehe ich, weshalb viele sagen, Marrakesch mache müde: Es ist nicht laut, es ist prallvoll – selbst die Luft hat keine leere Stelle mehr.

Morocco - Hassan II Mosque 哈桑二世清真寺
Morocco · Hassan II Mosque 哈桑二世清真寺

Fes riecht älter und weniger höflich. Die Gassen der Medina sind so eng, dass zwei Menschen nur seitlich aneinander vorbeikommen. Schritte, Eselskarren-Glocken, der Gebetsruf in der Ferne – alles wird von den Mauern zurückgeworfen, als hallte es aus dem Stein selbst. Je näher man den Chouara-Ledergerbereien kommt, desto schwerer wird die Luft. Der Geruch roher Häute und Ammoniak biegt einem schon lange vor dem ersten Blick in die Nase. Auf der Dachterrasse drückt mir der Besitzer des Lederladens ein paar Minzblätter in die Hand: unter die Nase damit. Die Kühle der Minze rettet mich kurz, während sich unter mir die runden Farbbottiche ausbreiten – Rot, Gelb, Indigo – und Arbeiter barfuß in den Farben stehen, als hätte die Zeit nie das Verfahren gewechselt. In diesem Augenblick wird mir klar: Geschichte ruht nicht still in einem Museum. Manchmal treibt sie einem die Tränen in die Augen.

Wieder draußen, verirre ich mich noch eine halbe Stunde in der Altstadt von Fes. In den Gassen sieht man kaum Himmel, nur das helle Klopfen aus den Kupferschmieden, den Weizenduft an der Bäckerei, das dumpfe Ploppen, wenn ein Kinderfuß einen Ball gegen eine Holztür schießt. Ein Junge im roten Trikot der marokkanischen Nationalelf rennt an mir vorbei. Auf dem Rücken: Hakimi. Das Trikot ist vom Staub der Gassen ganz blass gerieben, doch es ist viel mehr Marokko als jedes nagelneue Shirt im Souvenirladen. Fußball wird hier nicht eigens für Touristen ausgestellt. Er rollt im Hall der Gassen, flackert über den Fernseher im Teehaus und wird Alltag in der Sekunde, in der ein Kind Gas gibt.

Südlich von Fes trocknen die Gerüche allmählich aus. Bei Merzouga, am Rand der Sahara, riecht es fast gar nicht mehr. Die Hitze bei Tag ist rein: Sand, Sonne, Himmel – als wäre alle Feuchtigkeit herausgezogen worden. Die Nase verliert plötzlich ihre Arbeit, übrig bleibt nur das Salz auf den Lippen und der Staub im Kragen. Nachts liege ich vor dem Camp unter den Sternen. Die Milchstraße hängt so tief, als wolle sie sich gleich hinter die Düne legen. Kein Fettdunst der Stadt, kein beißender Geruch der Gerber, keine Süße vom Markt – nur ein Hauch von Holzrauch vom Lagerfeuer. Unser Guide hat die Teekanne zum Warmhalten an die Glut gestellt; der Minztee, den er einschenkt, hat einen leichten Rauchgeschmack, und seine Süße wirkt von der Wüste noch einmal dünner geschliffen, flüchtig wie der Wind. Das Ergreifendste an der Sahara ist, dass sie dir alle Gerüche nimmt – und du zum ersten Mal deinen eigenen Atem hörst.

Morocco - Fes el-Bali 非斯老城
Morocco · Fes el-Bali 非斯老城

Zurück im Riad schenkt Marokko einem die Düfte zurück. Hinter der schweren Holztür und der Gasse öffnet sich eine andere Welt: ein kleines Wasserbecken, Mosaikwände, Orangenbäume und bittere Pomeranzenblüte. Der Duft der Orangenblüte ist nicht die plumpe Süße eines Parfums, sondern feucht, langsam, als würde sie mit der Verdunstung die Kacheln hinaufsteigen. Der Riad-Besitzer bringt Minztee, gießt ihn aus großer Höhe ein, bis der grüne Tee im Glas schäumt. Der Zucker ist fast unverschämt üppig. Beim ersten Schluck finde ich ihn zu süß, beim zweiten lasse ich mich darauf ein, und beim dritten begreife ich: Marokkos Süße ist kein Geschmacksstoff, sie ist eine Form von Gastfreundschaft.

Was mir diese Süße endgültig einprägt, ist eine Tajine. Kaum ist der Tondeckel gehoben, steigen Hammelfleisch, Zwiebeln, Aprikosen, Zimt und Ingwer in einem einzigen, stundenlang köchelnden Dampf auf – das genaue Gegenteil der hektischen Grillfeuer auf dem Platz. Die Tajine drängt nicht; sie lässt das Fleisch im eigenen Saft weich werden, die Süße der Früchte und die Wärme der Gewürze einander langsam überzeugen. Am Nebentisch verfolgen junge Männer auf dem Handy Fußball-Zusammenschnitte. Als Hakimi auf dem rechten Flügel anläuft, entfährt der ganzen Runde ein kollektives »Ah!«. Der Inhaber hebt den Kopf und sagt lächelnd, er sei ein Nationalheld – in Spanien geboren, aber wenn er laufe, dann sei er Marokkos Kind. Dann gießt er uns Tee nach, aus großer Höhe, als wolle er dieses Urteil besiegeln.

Dieser Satz erinnert mich an die WM 2022. Dass Marokko es bis ins Halbfinale geschafft hat – seitdem sieht die Welt den marokkanischen Fußball mit anderen Augen. »Märchen vom Außenseiter« genügt nicht als Erklärung. Es gleicht eher jenem Geruch, der noch in der Kleidung hängt, wenn der Rauch des Platzes längst verweht ist. Bounou, der Elfmeter hielt; Amrabat, der das Mittelfeld abdeckte; Hakimi, der mit einem Panenka Spanien aus dem Turnier schoss – diese Bilder haben Identitäten, die über Madrid, Paris, Amsterdam und Casablanca verstreut sind, wieder zusammengeführt. Fußball ist hier keine Sehenswürdigkeit, aber er kann jederzeit aus dem Café-Fernseher, dem Taxiradio oder dem Trikot eines Kindes hervorbrechen.

Morocco - Erg Chebbi 沙丘
Morocco · Erg Chebbi 沙丘

Am letzten Abend in Marrakesch kehre ich zum Djemaa el-Fna zurück. Der Rauch ist so dicht wie zuvor, die Grillbuden sind immer noch umlagert, der Minztee immer noch empörend süß. Und doch kann ich in dem Durcheinander Schichten unterscheiden: zuerst die Hitze des Gewürzmarktes, dann die Kälte der Gerberminze, darauf die trockene Geruchlosigkeit der Sahara, danach die feuchte Orangenblüte des Riad, die träge Köchelwärme der Tajine, schließlich der Zucker am Grund des Glases. Das Unvergesslichste an einer Marokko-Reise ist kein bestimmter Fotospot, sondern dass diese Gerüche sich im Körper zu einer Route ordnen. Du glaubst, du bist durch ein Land gereist – dabei hat es dich an seinem Geruch hindurchgeführt.

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