🇯🇵 Japan · Samurai Blue

Japan Reise: Zwischen Regen, Pfiffen und den Blauen Samurai

Eine sinnliche Reise – vom Shibuya-Livestream zur Meeresbrise von Yokohama

Die Weltmeisterschafts-Übertragung an der Shibuya-Kreuzung – dort hat meine Japan-Reise eigentlich erst begonnen. Neun Uhr abends, alle vier Ampeln schalten gleichzeitig auf Rot, die Fußgänger werden hinter den Zebrastreifen zurückgehalten wie Wasser knapp unter dem Siedepunkt. Auf dem Bildschirm des TSUTAYA-Gebäudes laufen die Vorberichte zum Spiel der japanischen Nationalelf, blaue Trikots tauchen vereinzelt in der Menge auf. Ein Angestellter klemmt seine Aktentasche unter den Arm und spricht leise in sein Handy: »Wenn wir heute gewinnen, sollte die Morgenbesprechung wohl ausfallen.« Ein Oberschüler neben ihm lacht, doch niemand schreit wirklich. Die Begeisterung der Japaner bleibt oft erst einmal in der Kehle stecken – bis der Anpfiff ertönt und die ganze Straße auf einmal die Luft anhält.

Vor dem Anpfiff hole ich mir im Konbini eine Portion Oden. Der Rettich ist im Sud fast durchsichtig geworden, der salzige Duft von Kombu steigt am Rand der Pappschale auf. Die Verkäuferin fragt, ob ich Senf möchte. Bevor ich antworten kann, sagt der Junge hinter mir im Trikot mit der Nummer 7 schon »Sukoshi«. Er zeigt auf den Bildschirm und erklärt, Mitoma Kaoru stamme aus Kanagawa – und fügt hinzu, Jungs aus Kawasaki trügen den Wind vom Flussuferplatz in den Füßen. Ich folge seiner Geste zum Ausgang der Kreuzung: Taxis, Regenschirme, Fanschals und der Dampf aus dem Konbini verschwimmen ineinander. In diesem Moment ist Fußball keine Sportnachricht, sondern ein Geruch der späten Nacht in Tokio.

Japan - 涩谷十字路口(Shibuya Crossing)
Japan · 涩谷十字路口(Shibuya Crossing)

Am nächsten Tag in Yokohama verstehe ich, warum Endo Wataru von japanischen Fans so oft als »stiller Kapitän« bezeichnet wird. Der Meereswind von Minato Mirai macht den Kopf wunderbar klar. Vor den Red-Brick-Warehouses übt ein Vater mit seinem Kind Pässe. Immer wenn der Ball zu weit wegspringt, schimpft der Vater nicht, sondern stupst ihn nur mit der Fußspitze zurück und sagt: »Mō ikkai.« Noch einmal. Endo stammt aus Yokohama und hat es später nach Europa geschafft – ein Spieler, der nie die Kamera sucht, aber immer genau dort steht, wo er gebraucht wird. Genauso ist Yokohama: Das Meer ist weit, die Stadt aber nie laut, wie ein defensiver Mittelfeldspieler, der alle Betriebsamkeit ruhig im Griff hält.

Wenn es in Kyotos Arashiyama regnet, fällt der Klang zuerst auf die Bambusblätter, dann auf den Schirm, zuletzt in den Fluss. Die Besucher an der Togetsukyō-Brücke sind um die Hälfte weniger geworden. Ein Rikscha-Fahrer hat sich ein Handtuch über die Schulter gelegt, die Räder knirschen leise über den nassen Stein. Ich flüchte in ein kleines Teehaus. Die Wirtin stellt heißen Hōjicha auf den Tisch, der Fernseher läuft stumm mit Sportnachrichten. Kubo Takefusa erscheint im Bild. Sie sagt, Kubos Geschichte aus Nara werde von vielen Kansai-Fans gern erzählt – wie von einem Kind, das aus den engen Gassen der alten Hauptstadt den Weg bis auf die Weltbühne dribbelt. Draußen tönt langsam die Tempelglocke. Plötzlich denke ich an den Anpfiff eines Fußballspiels: Der eine Ton lässt innehalten, der andere lässt losrennen – doch in Japan verlangen beide, dass man zuerst die Ordnung versteht.

Am Abend, als der Regen nachlässt, gehe ich den Bambuspfad entlang zurück. Wassertropfen fallen von den Blättern in meinen Nacken, so kalt, dass ich zusammenzucke. Im Souvenirladen hängen Schlüsselanhänger der Blauen Samurai neben Maneki-neko und Matcha-Keksen. Zwei Mädchen diskutieren die Aufstellung – die eine findet, Mitoma hätte früher gebracht werden müssen, die andere meint, Kubo könne die Abwehrreihen besser zerreißen. Sie sprechen ganz leise und bedanken sich beim Bezahlen ausführlich bei der Verkäuferin. Wer zum ersten Mal nach Japan reist, könnte diese Zurückhaltung leicht für Kühle halten. Doch wer mit ihnen ein Spiel gesehen hat, weiß: Die Leidenschaft ist sorgfältig gefaltet und steckt in der Tasche – erst beim entscheidenden Pass holt man sie heraus. Das Vereinswappen in der Arbeitstasche, der Spieler auf der Handyhülle, in der Bahn kein Lärm, aber bei jedem Angriff gemeinsam den Atem anhalten.

Japan - 富士山(Mount Fuji)
Japan · 富士山(Mount Fuji)

Beim Umsteigen am Bahnhof Kyoto begegne ich einem älteren Herrn im Anzug. Er hält die Abendzeitung in der Hand, den Sportteil nach außen gefaltet, die Ecke vom Regen aufgeweicht. Als er sieht, dass ich auf die Schlagzeile starre, dreht er die Seite ein Stück zu mir herüber und sagt, auf das Mannschaftsfoto zeigend: »Tsuyoku natta ne.« Sind stärker geworden, nicht wahr. Kein Prahlen, keine Erklärung – als würde er nur feststellen, dass der Regen endlich nachgelassen hat. Als der Zug einfährt, faltet er die Zeitung zusammen, nickt mir zu und verschwindet mit der Menge auf der Rolltreppe. Dieser eine kurze Satz ist wärmer und näher am japanischen Fußball als jeder lange Kommentar.

In Osaka reißt Dōtonbori einen mit seinen Gerüchen zurück auf den Boden. Die Eisenplatten der Takoyaki-Stände qualmen weiß, die Sauce glänzt zuckersüß; der Fettgeruch der Kushiage-Lokale setzt sich in der Jacke fest und verfliegt selbst vor der Glico-Leuchtreklame nicht. Auf der großen Leinwand am Fluss läuft die Wiederholung eines japanischen Tores. Touristen halten ihre Handys hoch, ein einheimischer Mittvierziger starrt nur auf den letzten Pass und murmelt: »Soko, umai.« Da, wie geschickt. Neben dem Steh-Sushi-Laden höre ich zwei Köche über Gamba Osaka und die Nationalmannschaft streiten. Der eine sagt, die WM bringe mehr Kinder zum Kicken, der andere entgegnet, die Kinder müssten erst mal anstehen lernen – selbst beim Kampf um den Ball dürfe man nicht einfach drauflosstürmen. Es klingt wie ein Scherz, ist aber zutiefst japanisch.

Später in der Nacht rollen die Rollläden der Läden nacheinander herunter. Der Dunst von Öl und Rauch hängt noch in den Straßenecken, wie Applaus, der nach Spielende nicht verhallen will.

Japan - 大阪城(Osaka Castle)
Japan · 大阪城(Osaka Castle)

Ich mag diesen ehrlichen Widerspruch. Tokio stopft die Welt in eine einzige Kreuzung, Kyoto bewahrt das Geräusch des Regens wie ein altes Buch, Osaka breitet Appetit und Lautstärke offen auf der Straße aus – doch was von einer Reise wirklich bleibt, sind die kleinen Zwischenräume, die man nur zu Fuß entdeckt. Die Kombu-Brühe im Oden um Mitternacht schmeckt nach Müdigkeit, eine Tempelglocke kann einen genauso verstummen lassen wie der Schlusspfiff eines Spiels, und auf dem Bahnsteig stellen sich Menschen im Trikot automatisch in zwei Reihen auf – bevor sie feiern, erst einmal niemandem den Heimweg versperren.

Vor der Abreise kehre ich noch einmal nach Shibuya zurück. Kein Spiel mehr auf dem Bildschirm, nur Werbung. Die Kreuzung entlässt ihre Fußgänger pünktlich wie immer. Ein kleiner Junge im viel zu großen Nationaltrikot läuft hinter seiner Mutter her und dribbelt mit der Fußspitze einen unsichtbaren Ball. Als die Ampel auf Rot springt, stoppt er den »Ball« exakt an der weißen Linie – keinen Schritt zu weit. Genau das, denke ich, ist das Schwierigste an einer Japan-Reise zu beschreiben: Du glaubst, du bist wegen der Neonlichter, der Tempel, der Ramen und der Stars gekommen, und am Ende erinnerst du dich an ein Kind, das vor einer roten Ampel den Ball anhält. Die Fußballleidenschaft Japans wird nicht immer hinausgeschrien. Sie steckt im Meereswind von Kanagawa, in den alten Wegen Naras, in den Passübungen von Yokohama – und in jedem, der gelernt hat, auf den Pfiff zu warten.

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