🇨🇮 Ivory Coast · Les Elephants
Elfenbeinküste Fußballreise: Von Abidjan nach Grand-Bassam – einem Ball hinterher, der das Land zur Ruhe bringt
Die Luft vor dem Flughafen von Abidjan ist, als hätte das Meer sie getränkt: schwül, hell und mit einem Hauch von gegrilltem Fisch. Auf der Fahrt in die Stadt stellt der Taxifahrer das Radio auf den Sportkanal, der Moderator rattert auf Französisch die Namen der Spieler herunter. Beim Namen Drogba klopft er nur mit dem Finger auf das Lenkrad und sagt, ohne sich umzudrehen: »Den kennt hier jeder.«
Wer in der Elfenbeinküste Fußball und Reisen zusammendenkt, kann beides kaum auseinanderhalten. Du willst die Stadt sehen, und die Stadt schiebt dir einen Fußballplatz vor die Nase. Du willst Geschichten hören, und jede Geschichte landet am Ende wieder bei jenem orangefarbenen Trikot.

Plateaux im Zentrum von Abidjan gibt sich wie ein Finanzviertel, das es eilig hat, ernst genommen zu werden. Wolkenkratzer, Banktürme, Glasfassaden, schnurgerade Straßen. Die weißen Linien der Cathédrale Saint-Paul spannen sich am Ufer der Lagune wie ein Segel, das der Wind gerade straff zieht. Wer bei Abenddämmerung an der Brücke steht und die Skyline betrachtet, vergisst beinahe, dass dies Westafrika ist. Anzugträger treten aus den Bürogebäuden, Mopeds schlängeln sich durch den Verkehr, in der Ferne gehen nach und nach die Lichter an.
Doch kaum setzt man am nächsten Morgen den Fuß nach Adjame, trägt Abidjan ein völlig anderes Gesicht. Nichts von der kühlen Ordnung Plateaux' – hier herrschen Marktstände, Hupen, Stoffballen, ausrangierte Trikots, Gewürze und eine menschliche Woge nach der anderen. Neben der Bushaltestelle hat ein Händler Chelsea, Olympique Marseille und die ivorische Nationalelf an ein und dieselbe Leine gehängt. Ein altes oranges Trikot mit der Nummer 11 bläht sich im Wind, als liefe es noch immer. Der Händler sagt: »Drogba ist mehr als ein Spieler. Er hat uns glauben lassen, dass dieses Land innehalten und auf ein einziges Wort hören kann.«
Er spielt auf jene Begebenheit von 2005 an, die längst in die Fußballgeschichte eingegangen ist. Nachdem sich die Elfenbeinküste zum ersten Mal für eine WM qualifiziert hatte, kniete Drogba mit seinen Teamkollegen in der Kabine vor der Kamera nieder und flehte die Konfliktparteien an, die Waffen niederzulegen. Das war keine Werbebotschaft, keine nachträglich ausgeschmückte Legende – es war eine Gruppe der bekanntesten jungen Männer des Landes, die sich mitten im Schatten des Bürgerkriegs mit dem Fußball an alle wandte. Dass danach Waffenruhe, Verhandlungen und Friedensprozess nicht allein durch ein Spiel zuwege kamen, versteht sich. Aber dieser Augenblick gab der Elfenbeinküste eine gemeinsame Stimme. Für eine kurze Zeit standen die Menschen auf derselben Seite – und das allein ist schon groß genug.

Von Adjame aus fahre ich in ein Maquis in Treichville. Auf den Holztischen liegen Plastikdecken, Attiéké türmt sich wie feiner Schnee auf den Tellern, daneben gegrillter Fisch, Zwiebeln, Chili und Tomaten. Der Fernseher in der Ecke ist lauter als die Musik. Am Nachbartisch streitet man sich über Preise, doch als auf dem Bildschirm die Highlights der Nationalelf erscheinen, verstummen alle für einen halben Schlag. Der Streit löst sich nicht auf, er wird nur zu einem Streit über die Aufstellung. Am Esstisch der Ivorer darf es laut werden, aber sobald der Ball kommt, wird der Lärm zu einer gemeinsamen Sprache.
Die Fahrt nach Grand-Bassam ist kurz. Das Auto schiebt sich aus dem Stau von Abidjan, der Seewind spült den Benzingeruch aus dem Fenster. Grand-Bassam war einst die Kolonialhauptstadt; heute bröckeln die Fassaden, die Straßen sind ruhig, aber der Strand ist weit und offen. Die Wellen der Guinea-Bucht drängen heran, ihre Farbe ist nicht immer das Postkartenblau, doch ihnen wohnt eine rohe Kraft inne. Kinder kicken barfuß im Sand, das Tor sind zwei Flipflops. Erwachsene sitzen unter Holzdächern beim Bier, der Rauch von Grillhähnchen und Fisch zieht mit der Meeresbrise davon.
Dieses Meer mahnt auch daran, dass Reisen mehr ist als Sehenswürdigkeiten-Abhaken. 2016 erlitt Grand-Bassam einen Anschlag und Schmerz. Aber man sitzt am Strand, sieht Kinder dem Ball nachlaufen, sieht einen Händler, der eine Kokosnuss aufschlägt, sieht Touristen und Einheimische, die sich im selben Schatten vor der Sonne verstecken, und versteht: Die Widerstandskraft der Elfenbeinküste ist keine Phrase. Sie vergisst nicht, was geschah. Sie lebt einfach weiter – neben dem Vergangenen.

Von der Küste aus fährt das Auto Richtung Yamoussoukro. Palmen, Gummibäume und an der Straße ausgelegte Kakaobohnen säumen den Weg. Die Elfenbeinküste ist Kakaoweltmacht, doch auf der Reise bleibt einem nicht das Etikett »Weltrang eins« im Kopf, sondern der Geruch der braunen Bohnen, die auf den Plastikplanen trocknen: ein wenig Gärung, Feuchtigkeit und sonnengewärmte Süße.
Als weit draußen die Basilique Notre-Dame de la Paix auftaucht, wirkt sie fast unwirklich. Sie wird gern mit dem Petersdom verglichen – die riesige Kuppel, die Kolonnaden, der weite Platz, all das scheint in die Ebene des afrikanischen Binnenlandes versetzt. Drinnen hallen die Schritte auf dem Marmor, buntes Licht fällt durch die Glasfenster. Nur wenige Besucher sind hier, es ist still genug, um die Klimaanlage und entfernten Vogelruf zu hören. Der Ort befremdet und bleibt im Gedächtnis: Ein junges Land will seinen Ehrgeiz in Stein meißeln, während der wahre Glaube womöglich weiter zwischen Markt, Kirche, Moschee, Stadion und Familientisch zirkuliert.
Zurück in Abidjan kommt die Rede auf Haller. 2022, kurz nach seinem Wechsel nach Dortmund, die Diagnose: Hodentumor. Operation, Chemotherapie, Comeback – das allein wäre schon Geschichte genug. Und dann der wegen der Pandemie auf Anfang 2024 verschobene Afrika-Cup 2023: Haller schießt die Elfenbeinküste Tor um Tor ins Finale und erzielt dort den Siegtreffer gegen Nigeria. Das Gastgeberland wird Meister. Wie ein Film, den vorher niemand zu schreiben gewagt hätte.

An diesem Abend gehe ich noch einmal durch Plateaux. Die Hochhäuser leuchten, an der Lagune kicken Kinder einen Ball, dem das Leder von der Haut geht. Adjames Lärm ist nicht mehr zu hören, aber ich weiß, er ist noch da – ebenso wie die Wellen von Grand-Bassam und die weiß schimmernde Kuppel von Yamoussoukro in der Nacht. Die Fußballreise durch die Elfenbeinküste ist keine Star-Tour, sie ist der Weg zum Verständnis eines Landes. Drogba hat Menschen daran erinnert, dass Fußball einen Krieg unterbrechen kann; Haller hat gezeigt, dass es nach der Krankheit noch eine Trophäe geben kann; die Kinder auf den Straßen der Viertel aber rufen einem zu: Am Anfang jeder Legende steht nichts als ein Mensch, zwei Füße und ein Ball.
Wer nur das Meer sucht, findet in der Elfenbeinküste ihr Meer. Wer nur eine Stadt sehen will, den bringt Abidjan zum Staunen. Aber der wahre Grund herzukommen, ist ein anderer: Hier entdeckt man, dass Fußball niemals bloßes Spiel war. Er kann ein altes Trikot auf dem Markt sein, ein Tor aus Flipflops am Strand, der Highlight-Clip auf dem Handy des Kathedralen-Wächters – und ein stiller Konsens, den sich ein Land mitten im lärmenden Alltag für einen Moment gönnt.
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