🇸🇳 Senegal · Lions of Teranga

Senegal Reise: Wie ein Ball das Land zusammennäht

Vom Straßenfußball in Dakar über die Stille der Île de Gorée bis zum Salzlicht des Lac Rose – die Lions of Teranga verstehen lernen

Der erste Ton meiner Senegal-Reise war keine Brandungswelle und auch keine Flughafendurchsage, sondern das dumpfe Klatschen eines Balls gegen eine Mauer. Vom Flughafen Blaise Diagne fährt das Auto auf Dakar zu, zu beiden Seiten Affenbrotbäume und vom Wind gebleichte Plakatwände. Als wir die Stadt erreichen, wird der Meeresgeruch plötzlich salzig und der Verkehr verliert alle Grenzen. Taxis, Pferdekarren, Mofas, Händler und Fußgänger drängeln wie in einem Spiel ohne Schiedsrichter, jeder sucht sich seinen Raum, doch selten stößt man wirklich zusammen. Am Yoff-Strand, früh am Abend, haben Kinder zwei Flipflops zu einem Tor aufgestellt und treten im nassen Sand, bis es dunkel wird. Kein Rasen, keine Trikots – nur ein alter Ball und eine Horde Jungs, die sich die Kehlen heiser schreien. In diesem Moment begreife ich: Fußball plus Reisen heißt im Senegal nicht »ein Spiel ansehen und nebenbei ein Land besuchen«. Es heißt, über einen Ball in ein Land hineinzufinden.

Dakars Straßenfußball pulsiert schnell, wie der Atem dieser Stadt. Der Ball rollt an den kleinen Kaffeewagen vorbei, rollt dem Alten, der sein Fischernetz flickt, um die Füße, rollt mitten auf die Fahrbahn – der Fahrer hupt kurz, ein Kind angelt ihn mit dem Spann zurück, das Spiel geht weiter. Einer trägt Manés Nummer 10, ein anderer Koulibalys grünes Nationaltrikot, manche spielen barfuß. Fragst du, wen sie am meisten mögen, erübrigt sich die Antwort fast: Mané. Dieser Name ist in Dakar kein Boulevardthema, der Name ist so etwas wie eine gemeinsame Losung. Ein Trikotverkäufer erzählt mir, Mané stamme aus Bambali im Süden, dann sei er in Dakars Génération Foot gelandet, dann Frankreich, Österreich, Southampton, Liverpool – »aber er hat sein Zuhause nicht vergessen«. Während er das sagt, streicht er das Trikot sorgfältig glatt, als breitete er eine Fahne aus.

Senegal - 达喀尔(Dakar)
Senegal · 达喀尔(Dakar)

Am nächsten Tag die Île de Gorée – dem Ort wird der Klang des Fußballs auf einmal entzogen. Von Dakar braucht die Fähre nur zwanzig Minuten, doch der Lärm der Stadt bleibt hinter einer Wand aus Wasser zurück. Die Häuser der Insel sind lachsfarben und ockergelb, Bougainvillea hängt über den Mauern, es ist so schön, dass einem fast unwohl wird. Dann betrittst du die Maison des Esclaves, die niedrigen, feuchten, engen Steinkammern, und verstehst, woher das Unbehagen rührt. Die »Tür ohne Wiederkehr« geht auf den Atlantik hinaus, dahinter nur das grell leuchtende Meer. Keine Kolonialgeschichte wird leichter, nur weil man sie pastellfarben streicht. Während ich dort stehe, fallen mir die rennenden Kinderfüße aus Dakar wieder ein: Wie schafft es ein Land, das fortgeschleppt, benannt und enteignet wurde, neu zu sagen: »Das sind wir«?

Senegals Antwort kommt meist nicht als Rede, sondern als Mahlzeit, als Glas Tee, als Fußballspiel. Zurück in Dakar esse ich in einem kleinen Restaurant Thiéboudienne: Fisch, Tomaten, Karotten, Maniok und Reis, auf einer großen Platte angerichtet. Der Mann am Nebentisch sieht meine unbeholfene Löffelführung und bedeutet mir grinsend, das Essen mit der Hand zu formen, den Reis und den Fisch zu kleinen Bällchen zu drücken. Im Fernseher läuft die Wiederholung eines Afrika-Cup-Spiels. In dem Moment, als der Angriff den Strafraum erreicht, heben im ganzen Lokal alle gleichzeitig die Köpfe. Für diese eine Sekunde spielen Fremdheit, Sprache und Tischsitten keine Rolle mehr. Der Fußball sortiert uns für einen Augenblick in denselben Raum, als gäbe es, solange der Ball rollt, immer eine gemeinsame Richtung.

Der Lac Rose gleicht bei Sonnenlicht weniger den strengen Rosa-Fotos aus dem Katalog. Die Einheimischen sagen, die Farbe wechsle mit Jahreszeit, Salzgehalt und Wasserstand – manchmal ein deutliches Pink, manchmal nur ein sanftes Roségold. Doch was vom See wirklich bleibt, ist nicht die Farbe, es ist das Salz. Die Salzarbeiter stehen hüfthoch im Wasser und schaufeln die Kristalle in die Boote, die Haut mit einer dicken Schicht Sheabutter gegen das Ätzende geschützt. Am Ufer türmt sich das Salz weiß wie Schnee; wenn der Wind geht, schmecken sogar die Lippen salzig. Weiter draußen lassen sich Touristen auf dem Wasser treiben, ihr Lachen ist leise. Die Arbeiter bücken sich im selben Rhythmus weiter, so gleichmäßig wie ein Pendel. Der See erinnert einen daran: Das Reisefoto bannt eine Sekunde, das Leben wiederholt sich über Jahre. Senegals Schönheit ist fast immer mit Arbeit, Warten und Geduld verbunden.

Senegal - 玫瑰湖(Lac Rose)
Senegal · 玫瑰湖(Lac Rose)

Und genau deshalb hat Manés Geschichte hier ein so besonderes Gewicht. Er ist kein Genie, das von einer wohlhabenden Akademie hübsch verpackt wurde. Er kommt aus dem stilleren Senegal, aus der Gegend von Tambacounda und Casamance, weitab vom Scheinwerferlicht, aber ganz nah am Ball. Die rote Erde von Bambali, die Einwände seiner Familie, der Traum mit fünfzehn nach Dakar, das Probetraining in der Génération Foot, die Champions-League-Nächte in Liverpool – wer daraus nur eine Heldengeschichte machte, würde sie leicht machen. Was zählt, ist, dass er nach seinem Durchbruch Geld in sein Dorf zurückbrachte: Schule, Krankenhaus, Internet, öffentliche Gebäude. Im Interview mit dem Guardian erklärte er, warum das Krankenhaus gebaut werden musste: Als Kind sei sein Vater krank gewesen, das Dorf hatte kein Krankenhaus, sie brachten ihn fort – er kam nicht zurück. So wurde aus dem Fußball in seiner Person kein bloßer Aufstiegsweg, sondern die Fähigkeit zurückzukehren.

In Bambali bin ich nie gewesen, aber in Dakars Straßen habe ich seinen Schatten gesehen. Ein Junge auf einem sandigen Platz trieb den Ball vor sich her, den Oberkörper leicht vorgebeugt, die Bewegung erinnerte an Mané, wenn er von links nach innen zieht. Kleinere Kinder standen im Kreis und schauten zu, die Augen glänzend, als blickten sie in eine nahe Zukunft. Ob Händler, Taxifahrer oder Restaurantbesitzer – nie redeten sie über die Nationalelf im Tonfall von »die«. Es hieß immer »wir«. Der Spitzname der »Lions of Teranga« trifft es genau: Teranga, das ist Gastfreundschaft, das ist Gemeinschaft; Löwen, das ist Stolz, das ist die Haltung, ein Revier zu verteidigen. Fußball ist im Senegal kein Wochenendvergnügen. Er ist soziales Band, Identität, die Art, wie Stadt und Dorf einander bestätigen.

Am letzten Abend in Dakar ging ich noch einmal ans Meer. Es wurde dunkel, die kleinen Bolzplätze hatten kein Licht, aber die Kinder hörten nicht auf. Der Ball rollte durch die Schatten, wurde vom Seewind abgelenkt, landete manchmal mit einem Spritzer in der Brandung. Draußen war der Atlantik tiefschwarz, dasselbe Meer wie vor der Tür ohne Wiederkehr auf Gorée; hinter mir glomm die Stadt so hell wie das reflektierte Salz des Lac Rose. Das Unvergesslichste an einer Senegal-Reise ist weniger die Schönheit eines Ortes, sondern die langsame Erkenntnis: Dieses Land hat Traumata, Arbeit, Gastfreundschaft und Ehrgeiz einem einzigen Ball anvertraut. Du glaubst, du kommst wegen Mané, und dann merkst du: Mané hat nur lauter ausgesprochen, was Senegal längst wusste. Der Ball, den einer allein tritt, muss am Ende wieder vor allen Füßen landen.

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