🇰🇷 Korea · Taegeuk Warriors

Südkorea Reise: Nach dem Aus – Son Heung-mins Nachhall auf den Straßen

Eine sinnliche Reise – vom Straßenfußball in Hongdae bis zur Abenddämmerung von Chuncheon

Was mich auf meiner Südkorea-Reise wirklich innehalten ließ, waren nicht die Leuchtreklamen von Myeongdong, auch nicht die fast schon perfekte Effizienz des Airport-Express in die Stadt – sondern ein Plastikfußball in einer Seitengasse von Hongdae. Südkorea war da bereits ausgeschieden, der Spielplan auf dem Handy musste nicht mehr weitergescrollt werden. Trotzdem trugen um neun Uhr abends in Hongdae noch immer Leute das rote Nationaltrikot. Zwei Studenten hatten ihre Rucksäcke als Tor aufgebaut und spielten Drei-gegen-Drei vor dem Eingang eines Convenience-Stores. Der Ball prallte vom Rad eines Lieferboten ab und rollte fast in ein Grillrestaurant. Niemand schimpfte, stattdessen rief jemand lachend »Sonny!« Dieser Name hing noch in der Luft wie ein Rest Wärme, der unter den Straßenlaternen nicht weichen will.

Zwischen dem Straßenfußball und den Streetdance-Auftritten in Hongdae lagen kaum zwanzig Meter. Links Boxen, Applaus und hochgehaltene Handys von Mädchen, rechts das Scharren von Sohlen auf Beton. Ein Junge im alten Tottenham-Trikot hatte den Ball zu weit vorgelegt und wurde von seinen Freunden auf Koreanisch aufgezogen. Er lächelte verlegen, zog den Ball sofort mit der Hacke zurück. Koreanische Fußballemotionen sind nicht so nach außen gekehrt wie in Südamerika und auch nicht so ordentlich gefaltet wie in Japan. Sie ähneln eher der Tteokbokki-Sauce in einer Hongdae-Nacht: erst kommt die Süße, dann die Schärfe, und wenn du denkst, es ist vorbei, brennt es noch eine Weile im Hals nach.

Korea - 景福宫(Gyeongbokgung)
Korea · 景福宫(Gyeongbokgung)

Am nächsten Tag besuche ich den Gyeongbokgung-Palast. Vor dem Gwanghwamun-Tor haben die Hanbok-Verleihe schon früh geöffnet, Reihen von Röcken in Rosa, Blau und Cremeweiß wiegen sich leicht im Wind. Wer ein Hanbok trägt, kommt kostenlos in den Palast – diese Regel steht in fast jedem Reiseführer, aber erst wenn man an der Palastmauer steht, begreift man, wie zauberhaft das ist: Touristinnen in Turnschuhen raffen vorsichtig ihre Röcke über die Stufen, der Trommelklang der Wachablösung hallt aus dem Tor, und vor der Statue von König Sejong jagt ein Kind einem unsichtbaren Ball hinterher. Tradition ist hier nichts hinter Vitrinenglas. Sie landet gemeinsam mit Selfie-Stick, T-Money-Karte, Iced Americano und Fußballtrikot im selben Bild.

In der Nähe des Palastes treffe ich einen ehemaligen Spieler. Kein großer Name, nur jemand, der früher in der zweiten K-League gespielt hat, bis ihm das Knie einen Strich durch die Rechnung machte. Seitdem trainiert er Jugendliche in der Gegend. Merkwürdig: Er trägt ein altes FC-Seoul-Trikot und steht am Straßenrand, eine Wasserflasche als Taktiktafel, und erklärt drei Teenagern, wann ein Außenverteidiger nachrücken muss. Sein Finger zeichnet eine diagonale Linie auf den Boden, die Jungs hocken sich hin und schauen zu. Touristen laufen vorbei und halten es für eine Art Straßenperformance. Das ist eines jener Details, die man in Korea nur vor Ort entdecken kann: Fußball findet nicht nur an den Stadionkassen statt, sondern manchmal im Schatten der Palastmauer – weitererzählt von jemandem, der selbst nicht mehr aufläuft.

Am Abend zurück in Euljiro gönne ich mir mein erstes richtiges Barbecue in einem winzigen Lokal ohne englische Speisekarte. Die Wirtin schneidet den Schweinebauch in genau mundgerechte Stücke, Knoblauchscheiben rutschen ins heiße Fett am Rand der Grillplatte, der Kimchi wird an den Rändern knusprig. Der Mann am Nebentisch sieht, dass ich nur Wasser trinke, und schiebt mir kommentarlos ein Glas Soju rüber – so müsse man Fußball gucken, selbst wenn die eigene Mannschaft schon draußen sei. Auf seinen Handys laufen noch immer die Clips von Son Heung-min. Einer seufzt, ein anderer sagt, er habe genug getan. Der Soju ist im ersten Moment erstaunlich klar, der Nachhall kommt langsam – wie das Gefühl, das diese WM in Korea hinterlassen hat: verloren, aber nicht völlig erkaltet.

Korea - 釜山海云台(Busan Haeundae)
Korea · 釜山海云台(Busan Haeundae)

Busan und sein Jagalchi-Markt verwandeln diesen Nachhall in Geruch. Drei Uhr nachmittags: Meerwasser, Fisch, Eis, Diesel und der scharfe Suppendampf aus den Garküchen im Obergeschoss durchmischen sich zu einer fast sichtbaren Wand. Kraken pressen sich an die Aquarienscheiben, eine Ajumma klopft mit einer Metallzange dagegen, eine Brasse zuckt herum und spritzt Wasser auf meine Schuhe. Busan macht keine Gefälligkeiten, es reißt dich mit seinen Meeresfrüchte-Gerüchen aus den Café- und Palastkulissen Seouls heraus. Draußen kicken Kinder am Kai. Der Ball rollt zu den Füßen einer Fischhändlerin, die ihn mit dem Gummistiefel lässig zurückspielt. Dieser eine Pass sagt mehr über Busan als jeder touristische Imagefilm.

Nach Seoul zurückgekehrt, nehme ich bewusst den ITX-Zug nach Chuncheon. Der Han-Fluss wird draußen immer schmaler, die Stadt weicht niedrigen Bergen, Stauseen und stillen Bahnsteigen. Son Heung-mins Heimatstadt schmückt sich nicht mit riesigen Plakaten, inszeniert sich nicht als Wallfahrtsort – jedenfalls spüre ich bei der Ankunft nichts von übertriebener touristischer Erschließung. Chuncheon wirkt eher wie ein Ort, der seinen Stolz kennt, ihn aber nicht herausposaunt. In der Dakgalbi-Straße brutzeln die Eisenplatten, der Kohl färbt sich in der Sauce rot, in den Lokalen läuft der Sportsender. Der Besitzer grinst, als ich »Son Heung-min« sage, zeigt auf ein signiertes Poster an der Wand und erzählt, dass heute viele nicht mehr nur wegen der Nami-Insel nach Chuncheon kommen, sondern um zu sehen, wo er losgegangen ist.

Zur blauen Stunde stehe ich am Fluss. Ein paar Mittelschüler schießen auf ein Tor aus zwei Schulranzen. Ein Junge verzieht, ärgert sich aber nicht, sondern macht stattdessen Sons typischen Kamera-Jubel nach – die Finger zum Sucher geformt – und »fotografiert« seine Mitspieler. Alle lachen laut, und dann rennen sie weiter. Dass Südkorea bereits ausgeschieden war, fühlt sich hier in Chuncheon plötzlich weniger schwer an. Nationalmannschaftsturniere enden, Spieler altern, Werbeverträge wechseln – doch wenn ein Kind die Geste seines Idols nachahmt, glüht die Glut noch einmal auf.

Korea - 庆州(Gyeongju)
Korea · 庆州(Gyeongju)

Vor meiner Abreise kehre ich noch einmal nach Hongdae zurück. Die Gasse ist so laut wie eh und je, Grillrauch quillt aus den Lüftungsschloten, Soju-Flaschen klirren auf den Tischen. Die Kicker auf der Straße haben gewechselt, der Ball ist derselbe abgeschabte Plastikball. Ein Junge im roten Korea-Trikot stoppt den Ball unter der Sohle, hebt den Kopf zu den Nachspiel-Kommentaren auf dem Bildschirm und sagt: »Nächstes Mal.« Ganz leise, als wolle er nicht die anderen trösten, sondern sich selbst noch einen Atemzug Mut geben.

Genau so habe ich Südkorea in Erinnerung behalten: nicht als Abhaken von Gyeongbokgung, Hongdae, Jagalchi und Chuncheon, sondern als ein Land, das nach einer Niederlage noch immer weiß, wie es seine Leidenschaft bewahrt. Sie steckt in dem Glas Soju, das dir am Grilltisch plötzlich zugeschoben wird, in der diagonalen Linie, die ein Ex-Profi auf den Asphalt zeichnet, in dem Pass, den eine Fischhändlerin mit dem Gummistiefel spielt – und in der Sekunde, in der noch immer jemand »Sonny!« ruft, obwohl das Turnier vorbei ist. Die Nachglut des koreanischen Fußballs leuchtet nicht mehr auf der großen Leinwand. Sie brennt am Straßenrand weiter, in der Fußspitze, in jedem jungen Menschen, der leise sagt: »Nächstes Mal.«

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